Internationale Solidarität mit Palästina aus dem Norden Istanbuls: Die Ausstellung „Zeichnungen für eine schweigende Welt“
„Hört nicht auf, über Palästina zu sprechen, bis Palästina frei ist.“
Milena Rampoldi, 5.Juli 2026
Die Ausstellung in Kayaşehir, einem der nördlichsten Viertel des europäischen Teils von Istanbul, mit dem Titel Sessiz Kalan Dünyaya Çizgiler („Zeichnungen für eine schweigende Welt“) ist eine Ausstellung gemäß dem Grundsatz der Straßenmuseumspädagogik, die so aussagekräftig ist wie kaum eine andere Form der postmodernen Museumspädagogik. Milena Rampoldi von ProMosaik hat diese Ausstellung für Tlaxcala besucht.
Da Menschenrechte und somit auch Kinderrechte alle was angehen, weist diese eindrucksvolle Ausstellung genau auf der Straße, in der Nähe der zentralen Moschee des Viertels und gleich an der U-Bahnstation darauf hin, wie die Öffentlichkeit weltweit schweigt und das Leid relativiert oder in Klammern setzt, wenn es um Palästina und die palästinensischen Kinder geht.
Gegen dieses gewollte Schweigen, das sich den zionistischen Bemühungen der Hasbara beugt und ein schuldiges Opfer der neokolonialistischen Expansionsobsessionen des israelischen Staates ist, setzt diese Ausstellung ein klares Zeichen und protestiert auf eine vollkommen anti-elitäre Art und Weise. Ausstellungen wie diese sind nicht etwas für Kulturinteressierte, sondern ein visueller Schrei gegen das Unrecht der Welt.
Die künstlerische Form der Cartoons und Illustrationen ist sehr wirkungsvoll, weil sie die neue Generation anspricht und ihre Sprache verwendet, um sich für die Menschenrechte einzusetzen. Es handelt sich um eine Ausstellung, die in Istanbul auch als traditionelle Ausstellung gezeigt wird. Dies ist beispielsweise im Kultur- und Kunstzentrum der Stadtverwaltung von Başakşehir, eines Viertels der türkischen Metropole, südlich von Kayaşehir, der Fall.
Wie die Illustratoren des Medienprojektes Human Movie Team (auf Türkisch: İnsan Film Ekibi) so schön zum Ausdruck bringen:
Wir sind alle Palästina. Palästina betrifft uns alle. Und die ermordete Zukunft Palästina ist unsere Zukunft und die Zukunft unserer eigenen Kinder. Es handelt sich hierbei um ein Projekt, das 2015 von einer Gruppe junger Frauen als Verein ins Leben gerufen wurde. Das Ziel des Projektes ist die Sensibilisierung auf dem Gebiet der Menschenrechte und im Besonderen der Menschenrechtsverletzungen, vor allem gegen muslimische Bevölkerungen, u.a. auch der Rohingya.
Illustrationen wie diese bleiben in den Köpfen und in den Herzen der Menschen, ganz nach dem Grundsatz „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“. Die Pädagogik der Menschenrechte bedient sich der postmodernen visuellen Sprache und prangert die Menschenrechtsverletzungen durch den zionistischen Staat Israel in Gaza an. Die Ausstellung widersetzt sich auch jeglicher linguistischen Zensur und spricht das Wort „Völkermord/Genocide“ offen auf ihren Plakaten aus.
Sehen wir uns nun eine Auswahl von Illustrationen an, deren türkische Texte ich für die deutsche Öffentlichkeit ins Deutsche übersetzt habe. Einige Illustrationen enthielten englische Texte. Das Symbol der Wassermelone trat als wiederkehrendes Symbol der Solidarität mit Palästina und seines begründeten Widerstands gegen die israelische Besatzung vor, wie man in diesem Banner des Vereins sieht:
Das Symbol der Wassermelone erinnert an seine Nutzung nach dem 6-Tage-Krieg 1967, als es anstatt der von Israel verbotenen palästinensischen Flagge verwendet wurde, da die Wassermelone genau dieselben Farben wie die palästinensische Flagge aufweist. Nach dem Krieg zwischen Hamas und Israel nach dem 7. Oktober 2023 kam das Symbol wieder stark in den sozialen Medien zum Einsatz, um die Solidarität mit Palästina und den Widerstand gegen den zionistischen Neokolonialismus in den besetzten Gebieten zum Ausdruck zu bringen.
Diesem kreativen Protest der “Battih” (so heißt die Wassermelone auf Arabisch) schließen sich auch die türkischen Illustratoren dieser Ausstellung an. Eine ganze wichtige Botschaft an alle deutschen Leserinnen und Leser lautet für mich: Fragt euch nicht, ob die Wassermelone ein antisemitisches Symbol sein könnte, sondern nehmt wahr, wie antijüdisch und antisemitisch der expansionsbesessene zionistische Staat wohl ist.
In diesem Bild wird das wiederkehrende Symbol der Wassermelone mit dem Aufruf verbunden, niemals zu schweigen, wenn es um Palästina geht. „Hört nie auf, über Palästina zu sprechen“.
Diese Illustration zeigt die vollkommene Normalität und das Standardverkehrszeichen außerhalb der Welt von Gaza, die in eine Anti-Welt mutiert. Hier geht es nämlich nicht mehr darum, langsamer zu fahren, um in der Nähe einer Schule auf die Kinder zu achten. Denn in Gaza gibt es weder die Schulkinder, die von den israelischen Luftangriffen ermordet werden, noch die Schulen als Gebäude an sich, da diese von der zionistischen Luftwaffe zu Ruinen zerbombt werden. Die Schule ist das Symbol des Wissens, der Pädagogik und der Zukunft eines Landes. Und Gaza ist die Ausnahme, die absolute Anti-Welt.
In Gaza fehlen nicht nur die Kinder, sondern auch die Mütter. Es fehlen 9.000 Mütter, die Israel ermordet hat. Diese Mütter haben kein Gesicht. Eine Mutter zeigt uns ihr langes muslimisches Kopftuch. Wir sehen nur ihren Rücken, aber was wir sehen, ist ihre Bewegung. Sie ist, im Unterschied zu den 9.000 Opfern, noch am Leben und bewegt sich nach vorne. Ihr Kopftuch und ihr Kleid und auch ihr Fuß symbolisieren die dynamische Kraft der palästinensischen Frau. Die palästinensische Frau ist die Wirbelsäule des anti-zionistischen Widerstandes.
In dieser Illustration werden zwei Hauptsymbole des palästinensischen Widerstands kombiniert: einerseits das Symbol der Wassermelone aus Reaktion auf das zionistische Flaggenverbot von 1967 und andererseits das Symbol des Schlüssels, das Gegenstück der Nakba, der Vertreibung der Palästinenser, die das Recht haben, in ihre Häuser zurückzukehren und daher ihre Schlüssel noch bei sich haben. Das Recht auf die Flagge und auf das Land spiegeln sich im Recht auf die Heimat und das eigene Heim wider.
Der Totengräber macht seinen Job. Er hört nicht damit auf, da jeder Tote und jede Tote das Recht auf eine menschliche Beisetzung haben. Die Beisetzung ist im Islam der Beginn des Weges in das Jenseits. Aber gleichzeitig zeigt die Illustration in der Farbe des Blutes, Rot, die Anzahl der unschuldigen toten Palästinenser an, die schon die 18.000 erreicht hat. Die Gleichheit der Menschen nach dem Tod zeigt sich in der identischen Bestattung aller, aber gleichzeitig wird hier durch die Grabsteine ohne Namen aufgezeigt, wie Tote in dieser schweigenden Welt keine Bedeutung zu haben scheinen.
Wie die Mutter oben, wird auch das Mädchen hier ohne Gesicht gezeigt. Aber es besteht ein großer Unterschied in den Symbolen der beiden Illustrationen. Die Mutter bewegt sich, sie lebt den Widerstand. Das Mädchen hingegen hält inne. Die 10.000 von Israel ermordeten Kinder sind nicht mehr da. Aber die Vögel fliegen. Und diese Vögel symbolisieren das Weiterleben der Kinder aus Gaza im Jenseits. Das Bild lässt mich an den Roman „Sadako will leben“ von Karl Bruckner denken, in dem es um die Kinder-Opfer des US-Atomangriffs im August 1945 gegen Hiroshima geht. Das Mädchen Sadako faltete im Roman von Bruckner während seiner Leukämieerkrankung, die sein Todesurteil bedeutete, Hunderte von Kranichen.
Ganz nach dem Prinzip des “Principe” von Niccolo’ Machiavelli lernen die Menschen nichts aus der Geschichte. Der zionistische Staat hat nichts aus dem Leid der Juden während des Holocausts gelernt. Gleichzeitig wiederholt er die Angriffe gegen Gaza, als wären sie der Ausdruck eines brutalen Ritus, der unschuldige Kinder immer wieder niederbombt, nur mit immer besseren und technologisch verbesserten Waffen, die sich immer mehr der kalten und verantwortungslosen Künstlichen Intelligenz bedienen.
Der Text dieser Illustration ist einer der eindrucksvollsten der Ausstellung und stammt von einer Mutter, die diesmal statisch ihre blutigen Hände und auch ihr leidendes Gesicht zeigt.
Ihre Worte lauten in deutscher Übersetzung wie folgt:
„Mein Name ist Selma. 2 meiner Kinder wurden heute in Gaza ermordet. Auf meinen Händen habe ich das rote Blut meiner Kinder. Ich will mir meine Hände nicht waschen, denn das Einzige, was mir von meinen Kindern bleibt, ist das hier (dieses rote Blut auf meinen Händen)!“
Ihre Hände sind erhoben. Dies kann einerseits bedeuten, dass der Widerstand gegen die Besatzung ihrem unendlichen Leid wegen des Verlustes ihrer Kinder den Platz lässt und andererseits, dass sie ihre Hände zu Allah erhebt und ihm ihr Leben übergibt.
Hier heißt es:
„Sie haben ihm nur 1 Tag lang die Genehmigung erteilt...“
Gemeint ist hier die Tatsache, dass die zionistische Armee über Leben und Tod entscheidet und somit einem Baby die Genehmigung erteilt, einen Tag zu leben, bevor es brutal ermordet wird. Wie lange das Kind gelebt hat, 1 Tag, ist im roten Farbton des mörderischen Blutes eingekreist.
Links neben dem Grabstein ist das Kind in das muslimische Grabtuch gewickelt. Auf dem Grabstein liest man das Geburts- und das Sterbedatum. Ein Leben von 1 Tag, ganz nach zionistischer Genehmigung.
Diese Illustration ist eine der herzzerreißendsten der Ausstellung. Das Mädchen ohne Beine, dreht sich nicht um. Es zeigt uns nicht sein Gesicht.
Der Text lautet:
„In Gaza wurden 7 Mädchen die Beine ohne Betäubung amputiert…“
Die beiden Punkte nach dem gelben Satz weisen darauf hin, dass die Geschichte nicht zu Ende ist. Die Mädchen leben noch. Ihr Leid ist unvorstellbar. Aber gleichzeitig erfahren ihre fehlenden Beine eine Metamorphose. Sie werden zum Symbol der friedlichen Zukunft in der Heimat Palästina, weil sie grün sind wie die Olivenzweige. Das Kleid des Mädchens ist rot wie Blut, aber die Beine sind grün wie die Hoffnung. Und die weiße Farbe der Reinheit ist die Farbe der Punkte des Kleides und auch des Kragens.
Dieses letzte Bild, das ich in diesem Artikel zeigen möchte, stellt ein sitzendes Mädchen in einer meditativen Position dar. Links sitzt das Symbol der Kindheit, der Teddybär. Sein Kopf sieht nach oben. Rechts liegt die Wassermelone.
Die Botschaft ist zweifach: Einerseits zeigt uns das Mädchen den Widerstand gegen die Besatzung. Die Auflehnung gegen das Schweigen ist der Ausdruck des Widerstandes. Und andererseits ist das Mädchen sich aber dessen bewusst, dass sie ein schwaches Kind ist, das den Zionismus nicht stoppen kann. Aber das kleine Mädchen glaubt an das Paradies, das von den fliegenden Vögeln symbolisiert wird.
Wie lange soll über Palästina gesprochen werden?
Wie lange sollen wir uns als Journalistinnen und Journalisten noch für Palästina engagieren und gegen den blutigen Zionismus schreiben?
Die Antwort steht in diesem Bild:
„Hört nicht auf, über Palästina zu sprechen, bis Palästina frei ist.“
Ich danke euch Allen für eure Stimme für Palästina!
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