Auf Gramscis Spuren: von Chicago nach Turin, die Orte der Hegemonie kartieren
von Marshall Pierce

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Anm. d. Übers.- Als alter Anhänger Antonio Gramscis – dessen Motto ich mir zu eigen gemacht habe, den er
von Romain Rolland übernommen hatte: „Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens“– und dessen Lektüre ich nach 50 Jahren immer noch nicht ausgeschöpft habe, konnte ich nicht widerstehen, die beiden folgenden Texte zu übersetzen. Sie stammen von einem jungen Doktoranden aus Chicago, Marshall Pierce, der ein Tagebuch seiner Forschung führt, die ihn von Chicago über Paris nach Turin geführt hat. Von jenem Chicago – das, bevor es die Stadt Al Capones war, die Stadt der Haymarket-Anarchisten und der Wobblies der IWW war – nach Turin, das vor über einem Jahrhundert die Stadt der Arbeiterräte war, über das Paris der Kommune: dieser Weg scheint fast natürlich. Marshall fragt nach dem Sinn des am meisten zitierten, am wenigsten bekannten und am meisten abgenutzten Begriffs von Gramsci: der (kulturellen) Hegemonie. Von den Star-Denkern der französischen Neuen Rechten (allen voran Alain de Benoist) wiederentdeckt, wurde dieses „Schimpwörtchen“, wie man in Marseille sagt, wurde zu einem Medienklischee, nachdem Sarkozy ihn auf Anregung des Schriftstellers und Kolumnisten Patrick Buisson während des Wahlkampfs 2007* verwendet hatte; zwei Wochen später folgte ihm Jean-Marie Le Pen**. Neun Jahre später lancierte der Kandidat Macron seine „Bewegung mit hegemonialen Ambitionen“ En Marche unter dem Motto des „Optimismus des Willens“.
Der gegenwärtige Mediengemeinplatz will in den Tobsuchtsausbrüchen Trumps auf seinem übel benannten Truth (A)Social, unverkennbare Zeichen einer kulturellen Hegemonie sehen – was auf eine banale Unkenntnis des gramscianischen Ansatzes hinweist, in dessen Tiefen die politisch-medialen Großmäuler nie einzutauchen sich die Mühe gemacht haben, aus Angst zu ertrinken. Fern vom Tastaturlärm hat sich Marshall Pierce auf eine Reise zu den Quellen des gramscianischen Denkens und der Arbeiterpraxis begeben, vor Ort. So hat er begonnen, die Orte der kulturellen Hegemonie zu kartieren, die nicht nur den diskursiven Bereich betrifft, sondern sich in die Materialität sozialer Praktiken einschreibt. Viel Vergnügen bei der Lektüre! – FG, Tlaxcala
* „Im Grunde habe ich mir Gramscis Analyse zu eigen gemacht: Macht gewinnt man durch Ideen.“ Sarkozy, Le Figaro, 17. April 2007
** „Es war der kommunistische Schriftsteller Antonio Gramsci, der schrieb: Ideologische Siege gehen den Wahlsiegen voraus.“ Jean-Marie Le Pen, 1. Mai 2007
Der Ort der Hegemonie
Kartierung einer Arbeiterstadt: Turin, 1919–1922
Ihnen ist vielleicht aufgefallen, dass ich auf Substack den letzten Monat über weitgehend inaktiv war. Das liegt daran, dass ich mich derzeit in Italien aufhalte, um Archivforschung für meine Dissertation zu betreiben, was den Löwenanteil meiner Zeit in Anspruch nimmt. In den letzten Tagen war ich in der Fondazione Istituto Piemontese Antonio Gramsci in Turin und habe die Papiere von Basisarbeitern und Militanten gelesen, die in den Jahren vor dem Aufstieg des Faschismus an der Spitze des italienischen Sozialismus standen.
Diese Art von Material – persönliche Briefe, Arbeitsmemoranden, Gewerkschaftsdokumente – ermöglicht es, eine Bewegung von innen zu sehen: als etwas, das Tag für Tag von gewöhnlichen Menschen aufgebaut wurde. Und die sozialistische Bewegung dieser Zeit lohnt sich, neu betrachtet zu werden, da sie in ungewöhnlich konkreter Weise eine Frage stellte, die die Linke noch heute beschäftigt: Wie können sich gewöhnliche Menschen zu einer Kraft organisieren, die die Gesellschaft zu transformieren vermag?
Dieser Beitrag ist nicht als Précis meiner Dissertationsforschung gedacht, aber ein paar kurze Worte zum größeren Projekt werden helfen, das, was ich hier in Turin tue, zu kontextualisieren.
Meine Dissertation rekonstruiert die frühe Arbeit von Antonio Gramsci – den jungen Journalisten und Organisator, noch nicht den kanonischen „Theoretiker“ – als Teil eines allgemeineren Versuchs, die Beziehung zwischen Hegemonie, politischer Praxis und Organisationsform zu durchdenken.1
Ich argumentiere, dass die Konstruktion von Hegemonie nicht strikt – oder sogar primär – auf der Ebene des Diskurses stattfindet, sondern davon abhängt, wie soziale Beziehungen über konkrete Räume und in alltäglichen Praktiken organisiert werden. Dieses Argument hat sowohl theoretische als auch praktische Implikationen: Hegemonie aufzubauen bedeutet nicht, oder nicht nur, die Denkweise der Menschen zu verändern, sondern den sozialen Raum so zu strukturieren, dass die Fähigkeiten, Neigungen und Beziehungen gefördert werden, die eine untergeordnete Klasse zu Autonomie und Selbstregierung befähigen.2
Auf den ersten Blick ist das eine ziemlich abstrakte Behauptung. Aber meine Methode der Demonstration ist historisch. Die Dissertation wendet sich der sozialistischen Bewegung zu, in der Gramsci Ende der 1910er Jahre als Organisator aufwuchs, mit einem besonderen Fokus auf die Turiner Arbeiterräte: Institutionen des proletarischen Selbstregierung, die Gramsci und seine Verbündeten in den Jahren propagierten, die als „Biennio Rosso“- die „zwei roten Jahre“ 1919 und 1920-bekannt wurden –
Der Schmelztiegel der Turiner Räte, so argumentiere ich – von ihrem Aufstieg 1919 bis zu ihrem Zusammenbruch 1921 und dem Aufstieg des Faschismus 1922 – dramatisiert den Prozess, durch den ein aufkeimendes hegemoniales Projekt aufgebaut, konsolidiert und schnell wieder aufgelöst werden kann.3
Politische Bildung “von unten”
Die Archivrecherchen, die ich in Turin durchgeführt habe, beziehen sich auf ein Kapitel, das ich über die pädagogischen Dimensionen der Arbeiterräte schreibe. In seinen Gefängnisheften argumentierte Gramsci, dass „jedes Hegemonieverhältnis notwendigerweise ein pädagogisches Verhältnis ist“– ein Satz, der von Wissenschaftlern, die Gramscis Hegemonietheorie studieren, routinemäßig zitiert wird.4
Dennoch, so einfach es auch erscheinen mag, bleibt diese suggestive Behauptung schwer fassbar, solange der Ausdruck „pädagogisches Verhältnis“ undefiniert bleibt. Was genau war für Gramsci ein „pädagogisches Verhältnis“?
Meine Arbeitshypothese ist, dass die Turiner Arbeiterräte von 1919-1921 experimentelle Orte waren, an denen ein eigenständig gramscianisches Verständnis von Pädagogik ausgearbeitet wurde. Wenn dem so ist, dann würden die Arbeiterräte Gramscis Verständnis von Hegemonie als solche beleuchten.
Dies ist jedoch nur eine Hypothese. Und hier kommt die Archivforschung ins Spiel.
Hegemonie aufzubauen bedeutet nicht – oder nicht nur – die Denkweise der Menschen zu verändern, sondern die Fähigkeiten, Neigungen und Beziehungen zu kultivieren, die eine Klasse zu Führung, Autonomie und Selbstregierung befähigen.
Tatsächlich würden die meisten Gelehrten zustimmen, dass Gramsci und seine Gesprächspartner in der Turiner sozialistischen Bewegung die Arbeiterräte als Bildungsräume verstanden. Schließlich machte Gramsci diesen Punkt im Laufe der Jahre 1919 und 1920 immer wieder. In einem seiner bekanntesten Artikel aus dieser Zeit begrüßte Gramsci die neu entstehenden Arbeiterräte als „ großartige Schulen politischer und administrativer Erfahrung“. Und dennoch, trotz des breiten Konsenses, dass die Arbeiterräte eine pädagogische Funktion erfüllten, habe ich verschwindend wenige Quellen gefunden, die detailliert beschreiben, wie sie dies taten.
Bei der Konsultation der Archive ist es mein Ziel, zu klären, wie die politische Bildung im Kontext der Arbeiterräte genau aussah. Welche konkreten Praktiken erleichterten die Arbeiterbildung? Was war die Gestalt des „pädagogischen Verhältnisses“, das in den Räten verkörpert wurde? Und wie war dieses Verhältnis strukturiert, um zu einer Politik der sozialen Emanzipation zu neigen, oder zu dem, was Militante der Turiner Arbeiterbewegung „populäre Autonomie“ nannten?
In Übereinstimmung mit der Stoßrichtung der Dissertation geht es hier um ein breiteres Argument über Hegemonie: anstatt Hegemonie als ein rein ideologisches oder diskursives Phänomen zu behandeln, ist mein Ziel in diesem Kapitel, zu unterstreichen, wie Hegemonie durch Institutionen geschmiedet wird, die politische Fähigkeiten kultivieren – Urteilsvermögen, Führung und organisatorische Fähigkeiten – unter den Mitgliedern einer (potentiell) aufsteigenden Klasse.
Bisher habe ich keine entscheidenden Dokumente in den Archiven gefunden. Aber das ist nicht allzu überraschend, da das meiste, was ich im Moment tue, darin besteht, Materialien zu fotografieren: von Gewerkschaftsregistrierungsheftchen und Organisationsakten bis hin zu Briefen und handgeschriebenen Memoiren, die über die Rätebewegung reflektieren und die viele Teilnehmer in den 1950er Jahren schrieben. Das eigentliche Durchforsten dieses Materials wird ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen.
Nach dem, was ich bisher überflogen habe, ist jedoch eines bereits klar geworden: Gramsci selbst war weder ein externer Beobachter noch ein distanzierter „Theoretiker“ der Arbeiterbewegung – noch weniger betrachtete er sich selbst als „Lehrer“ mit Arbeitern als „Schülern“. Wie Giovanni Parodi – ein Metallarbeiter bei FIAT während des Biennio Rosso, der später Partigiano wurde und nach dem Fall des Faschismus Generalsekretär des Italienischen Metallarbeiterverbands (FIOM) – in einem maschinengeschriebenen Memoiren aus dem Jahr 1956 erinnerte:
Gramsci verbrachte viele Stunden unter uns Arbeitern, stellte uns Fragen, hörte sich unsere Sorgen an, versuchte unsere Hoffnungen zu verstehen und was wir über bestimmte Ereignisse dachten. Eine seiner Eigenschaften bestand in seiner großen Bescheidenheit – nicht nur im privaten und persönlichen Leben, sondern vor allem im intellektuellen Bereich. Mit wem immer er sprach, zeigte er nie eine Ostentation von jemandem, der viele Dinge weiß. Seine Gewohnheit war es, ruhig und geduldig zuzuhören, ohne zu unterbrechen, und mit großer Aufmerksamkeit. Er pflegte zu sagen: „Ich habe viel von den Arbeitern zu lernen“. Wann immer ich zufällig in [Gramscis Zeitung] L’Ordine Nuovo etwas fand, das dem Denken und den Hoffnungen der Arbeiter entsprach, antwortete Gramsci: „Ihr wart es, die mir das Rohmaterial geliefert habt“. Er weigerte sich nie, mit Arbeitern zu sprechen oder ihnen zuzuhören, wer sie auch waren und welches Thema sie auch immer ansprachen. Gramsci war die wahre Gestalt eines Intellektuellen, der, nachdem er das Leben der Arbeiterklasse gelebt hatte – ihre Kämpfe, ihr wirtschaftliches Elend, ihre soziale Position – sich im vollsten Sinne des Wortes proletarisiert hatte.5
Ähnliche Berichte über Gramscis bescheidenes und solidarisches Auftreten sind in dem Band Gramsci Vivo (Feltrinelli 1977, Iskra 2010) Legion, der Zeugnisse von Turiner Arbeitern sammelt, die in den 1910er Jahren an seiner Seite kämpften. Doch so ergreifend diese Reflexionen auch sein mögen, sie tragen wenig zur Klärung der konkreten pädagogischen Dynamiken der Turiner Arbeiterräte bei – was letztlich das ist, wonach ich suche.
Die Gewalt des Faschismus bestand nicht nur in der physischen Zerstückelung der Arbeiterbewegung, sondern auch im Versuch, sie ihrer Erinnerung und Geschichte zu berauben.
Während weitere Nachforschungen in den Archiven durchaus Material zu diesem Zweck zutage fördern könnten, ist es auch möglich, dass ich nichts finde. Viele der mit der Arbeiterbewegung des Biennio Rosso verbundenen Dokumente wurden von Faschisten während des Turiner Massakers im Dezember 1922 zerstört – als die Arbeiterkammer und die lokale Sektion der Sozialistischen Partei geplündert und niedergebrannt wurden. Das allein ist eine eindringliche Erinnerung: Die Gewalt des Faschismus bestand nicht nur in der physischen Zerstückelung der Arbeiterbewegung, sondern auch im Versuch, sie ihrer Erinnerung und Geschichte zu berauben.
Vereinsinfrastrukturen
Neben der Archivarbeit habe ich viel Zeit damit verbracht, durch die Straßen Turins zu gehen, um die organisatorische Ökologie – und die physische Landschaft – der sozialistischen Bewegung in dieser Zeit zu rekonstruieren. Diese Landschaft ist wichtig, denn eine der zentralen Bewegungen meiner Dissertation ist es, die räumlichen und körperlichen Dimensionen des politischen Lebens in den Vordergrund zu stellen.
Was sich beim Schlendern durch die Straßen Turins herausschält, ist, wie engmaschig das assoziative Gefüge der Arbeiterbewegung hier war. Diese Bewegung konzentrierte sich um eine Reihe von Kerninstitutionen: die lokale Arbeiterkammer, die Turiner Kooperative Allianz (ACT), große Gewerkschaften wie den Italienischen Metallarbeiterverband (FIOM) und natürlich der Ortsverband der Italienischen Sozialistischen Partei (PSI). Zwischen diesen formellen Organen verlief ein ausgedehntes Verbindungsgewebe, einschließlich der sozialistischen Presse – der PSI-Tageszeitung Avanti! und der wöchentlichen Zeitschrift L’Ordine Nuovo, die Gramsci 1919 gründete – sowie ein Netzwerk von von Arbeitern geführten Circoli (Zirkeln), die oft um Lesen, Diskussion und politische Bildung herum organisiert waren.
Obwohl mich das Material aus Sekundärquellen bereits vor meiner Ankunft in Turin mit jedem dieser Knotenpunkte vertraut gemacht hatte, wurde mir erst bewusst, wie tief diese Institutionen miteinander verwoben waren, als ich anfing, Adressen in den Archiven auszugraben und mich zu Fuß auf den Weg zu machen, um sie zu lokalisieren. Tatsächlich waren viele von ihnen nicht nur funktional verbunden, sondern physisch nahe beieinander, oft teilten sie sich dieselben Gebäude oder besetzten benachbarte Adressen im selben Häuserblock.
Während ich beginne, die Landschaft zusammenzusetzen, tauchen zwei Adressen als besonders bedeutsam auf.
Eine war der Corso Siccardi 12. Dieses Gebäude beherbergte nicht nur die Arbeiterkammer und die Turiner Kooperative Allianz (ACT), sondern auch der lokale PSI-Verband; es scheint darüber hinaus der Ort gewesen zu sein, an dem L’Ordine Nuovo – und vermutlich Avanti! – gedruckt wurde. Die Konzentration sozialistischer Aktivität an dieser Adresse machte sie zu einem Hauptziel faschistischer Gewalt, und im Dezember 1922 wurde sie durch einen faschistischen Angriff fast vollständig zerstört.
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg war Turin die Heimat eines Arbeitermilieus, in dem sich ein bedeutender Teil des Fabrikproletariats aktiv sozialistisch und kommunistisch organisiert hatte.
Etwas mehr als einen Kilometer entfernt fand der Corso Siccardi 12 seine Entsprechung in der Via dell’Arcivescovado 3, an der Ecke zur Via XX Settembre. Dies war das gemeinsame Büro sowohl von Avanti! als auch von L’Ordine Nuovo – und, wie zahlreiche Memoiren in Gramsci Vivo deutlich machen, war das Gebäude viel mehr als ein einfacher Arbeitsraum. Vielmehr war es ein entscheidender Treffpunkt für Arbeiter und Militante, die ständig in die Ordine Nuovo-Büros kamen und gingen. Und mit dem Aufstieg der faschistischen Gewalt im Jahr 1921 wurde das Gebäude zu einer Art befestigtem Bunker für die Sozialisten der Stadt. Vincenzo Bianco, ein Gießereiarbeiter, erinnerte sich:
Die Tür an der Via XX Settembre war klein, und außerdem hatten wir sie mit einer Holzkiste voller Steine blockiert. Diejenigen, die hereinkommen mussten, waren gezwungen, einzeln durchzugehen; zwei Personen nebeneinander konnten nicht durchkommen. Um uns vor möglichen Angriffen von den Dächern zu schützen – so schwierig sie auch gewesen wären – hatten wir einen kleinen Turm gebaut, auf dem ein Maschinengewehr installiert war. Wir hatten Gewehre und Pistolen, und wir waren alle Freiwillige – Arbeiter, die aus den Fabriken entlassen worden waren, und einige, wie ich, mit laufenden Haftbefehlen und daher von der Polizei gesucht. Aber wir alle waren entschlossen, unsere Zeitung [L’Ordine Nuovo] zu verteidigen. Die Waffen wurden an einem sehr nahe gelegenen Ort versteckt, in Reichweite. Abends wurden die Wachschichten auch von externen Freiwilligen durchgeführt, die aus den Fabriken kamen.6
Von den Zeitungsbüros in der Via dell’Arcivescovado 3 war es nur ein kurzer Spaziergang zu Gramscis eigener Residenz in der Via San Massimo, angrenzend an den heutigen Piazza Carlina.
Über diese bekannteren Orte hinaus hat meine Archivarbeit eine Reihe von Institutionen zutage gefördert, die der Karte des sozialen Lebens der Arbeiterklasse in dieser Zeit Dichte verleihen.
In der Via Micca 2 betrieb die Turiner Kooperative Allianz (ACT) beispielsweise bereits ab 1907 eine Apotheke; und im Corso Stupinigi 9 – heute etwa die gleiche Adresse am Corso Turati – druckte die ACT-nahe Tipografia Cooperativa Dokumente für die FIOM und andere Arbeiterinstitutionen. Schließlich stieß ich auf Beweise für zwei Organisationen, denen ich zuvor nicht begegnet war – die Associazione Generale degli Operai (AGdO) und die Federazione Circoli Educativi Socialisti (FCES) – die beide vom Corso Siccardi 12 aus operierten, derselben Adresse wie die Arbeiterkammer und die ACT.
Fügt man diese zu den achtundzwanzig von Arbeitern geführten sozialistischen Zirkeln hinzu, die auf einer FCES-Mitgliedskarte von 1920 aufgeführt sind, ergibt sich nicht nur eine dichte, sondern eine zutiefst politisierte institutionelle Landschaft. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg war Turin die Heimat eines Arbeitermilieus, in dem sich ein bedeutender Teil des Fabrikproletariats aktiv sozialistisch und kommunistisch organisiert hatte.

Ich werde noch eine Woche in Turin sein, was bedeutet, dass noch Zeit für ein paar weitere Besuche in den Archiven ist und für ein paar lange Spaziergänge, die die Konturen der halb verschwundenen Welt nachzeichnen, die ich zu rekonstruieren versucht habe.
Morgen ist der Erste Mai – ein Feiertag sozialistischer Prägung, den Turin zweifellos mit Pomp und Zeremoniell feiern wird – und eine Erinnerung daran, dass die Turiner Linke nicht einfach ein Relikt der Vergangenheit ist. Einige derselben Gebäude, die einst sozialistische Druckereien oder genossenschaftliche Einrichtungen beherbergten, tragen heute eine andere Reihe von Inschriften: „Free Gaza“-Graffiti oder das allgegenwärtige „Meloni Merda“. Diese Tags sind wie archäologische Schichten auf den Oberflächen einer viel älteren politischen Landschaft. Was auffällt, je länger ich hier bin, ist, wie viel der Infrastruktur des Biennio Rosso verschwunden ist, und doch wie lesbar ihr Abdruck bleibt, sobald man weiß, wo man hinschauen muss.
Die Geschichte der Linken bietet selten fertige Lehren für die Gegenwart. Aber die Untersuchung dieser Geschichte kann unser Verständnis zeitgenössischer Probleme schärfen. Wenn Hegemonie etwas ist, das in die Textur des Alltagslebens organisiert werden muss, dann ist die Frage nicht nur, was die Menschen denken, sondern welche Art von Räumen, Praktiken und Institutionen diese Gedanken kollektiv handhabbar und politisch dauerhaft machen. Das ist zumindest die Frage, die ich mitnehmen werde, wenn ich nach Chicago zurückkehre.
Noten
1- Eine weitere Diskussion über Hegemonie finden Sie im Beitrag von vor ein paar Monaten, hier unten. Ich muss noch die Fortsetzung schreiben.
2 - Dieser Ansatz wehrt sich gegen eine Tendenz – besonders verbunden mit Ernesto Laclau und Chantal Mouffe – Hegemonie als einen primär diskursiven Prozess zu behandeln. Ohne die Bedeutung des Diskurses zu leugnen, argumentiere ich, dass die Rückkehr zum jungen Gramsci deutlich macht, wie die Konstruktion von Hegemonie von dichten Netzwerken der Face-to-Face-Interaktion abhängt, eingebettet in die Routinen des Alltagslebens und unterstützt von einer sehr realen physischen Infrastruktur.
3 - Dies bedeutet, dass ich – im Gegensatz zum Großteil der zeitgenössischen Wissenschaft über Arbeiterräte – diese Institutionen weder als replizierbare Vorlage für emanzipatorische Organisation noch als einfachen Avatar des Scheiterns betrachte. Im Kontext meines Projekts werden die Arbeiterräte zu einem Prisma, um die Erfordernisse, Spannungen und Grenzen hegemonialer Politik zu entfalten.
4 - Siehe Gramsci, Quaderni 10II, §44. Selections from the Prison Notebooks, S. 350.
5 - Fondazione Istituto Piemontese Antonio Gramsci. Fipag / Parodi / b. 1 / fasc. 4.
6 - Siehe Gramsci Vivo, S. 33.
Hegemonie nach der Hegemonie (1)
Zwangsgewalt, Zustimmung und „stummer Zwang“
In seinem Buch The H-Word [Dt. Hegemonie, Konjunkturen eines Begriffs, Suhrkamp 2018] von 2017 stellt Perry Anderson fest, dass „wenige Begriffe in der zeitgenössischen politischen Literatur, technisch oder polemisch, so auffällig sind wie Hegemonie“. Und doch, wie bei den meisten konzeptuellen Erweiterungen, wurde die Verbreitung der Hegemonie nicht von Klarheit begleitet: „Über zwei Jahrtausende“, so Anderson, „hat der Begriff seinen Gebrauch verändert und sein Terrain mehrfach verschoben“ und ihn „von Ambiguität heimgesucht“ zurückgelassen.1
Sowohl in seiner „Auffälligkeit“ als auch in seiner gespenstischen „Ambiguität“ scheint das Schicksal der Hegemonie das ihres geliebtesten modernen Theoretikers zu spiegeln – Antonio Gramsci – dessen prominenter Platz in der Sozial- und politischen Theorie nicht von der Art sorgfältiger Betrachtung begleitet wird, die ein kanonischer Status typischerweise gebietet. Wie Anderson bereits in den siebziger Jahren anmerkte, wurde die Rezeption Gramscis „nicht von einer entsprechenden Tiefe der Untersuchung seines Werkes begleitet“, so dass Gramscis Schriften „vielleicht mehr zitiert als tatsächlich gelesen“ wurden.2
Vierzig Jahre später konnte Peter Thomas (2011) dasselbe Problem beklagen: Gramscis “Ruf hat nicht notwendigerweise Anerkennung sichergestellt”, oder eine “textnahe Analyse und Bewertung seines Denkens”.3
So teilt der „rätselhafte sardische Marxist“ das Schicksal seines „Signaturkonzepts“ – Hegemonie – dessen Proliferation mit Ungenauigkeit verbunden zu sein scheint. Wie Anderson über Gramsci sagte: „Der Preis einer so ökumenischen Bewunderung ist notwendigerweise Ambiguität“.4
Mein Ziel ist es hier nicht so sehr, diese Ambiguität zu zerstreuen, sondern eine wichtige Meinungsverschiedenheit zwischen Perry Anderson und Peter Thomas über die Bedeutung von Hegemonie auszupacken – eine Meinungsverschiedenheit, die ich sowohl schwierig als auch erhellend finde. Dabei habe ich nicht die Absicht, die Bedeutung von Hegemonie „festzulegen“; das wäre weder möglich noch wünschenswert. Mein Ziel ist es einfach, die Feinheiten einer Kategorie zu durchdenken, deren Allgegenwart sie sowohl mächtig als auch unhandlich, unverzichtbar und ungenau gemacht hat, und dann zu überlegen, wie aktuelle Debatten über „unpersönliche Herrschaft“ und „stummen Zwang“ unter dem Kapitalismus mit dem Konzept der „hegemonialen Politik“ zusammenhängen oder aneinandergeraten.
In diesem ersten Teil werde ich Andersons Ansicht mit Blick auf einige ihrer Bruchlinien – sowie auf ihre Stärken – rekonstruieren. In meinem nächsten Beitrag werde ich Thomas’ Kritik darlegen, die Feinheiten der Meinungsverschiedenheit bewerten und darlegen, wie ich all dies im Verhältnis zu neueren Arbeiten zur strukturellen marxistischen Theorie denke.
Hegemonie und ihre „Antinomien“
Ein guter Ausgangspunkt ist Perry Andersons klassischer Essay The Antinomies of Antonio Gramsci (1976. Dt.: „Antonio Gramsci: eine kritische Würdigung“, Olle & Wolter, 1979]), ein Text, der die Rezeption Gramscis in der anglophonen Neuen Linken indexierte und strukturierte. Neben der prägenden Arbeit von Louis Althusser lieferte Andersons Antinomies eine Vorlage für das, was Thomas das „allgemeine ‘Bild Gramscis’“ nennt, das schließlich in der Wissenschaft und der breiteren „intellektuellen Kultur“ vorherrschen sollte.5
Wenn wir also mit einem stillschweigenden Verständnis dessen operieren, was Hegemonie in der Sozialtheorie bedeutet, dann ist dieses Verständnis wahrscheinlich so etwas wie Andersons.
Die übergreifende Bewegung in Andersons Argument ist es, Hegemonie als eine „generische“ Kategorie politischer Macht zu interpretieren. Dies bedeutet, dass sie eine Reihe von Möglichkeiten oder Strategien benennt, die jede soziale Gruppe im Prinzip verfolgen kann. Hegemonie ist in diesem Sinne anderen Kategorien wie “Herrschaft” ähnlich: Während eine soziale Gruppe in einem bestimmten Fall ein relatives Monopol auf Herrschaft haben mag, hindert im Prinzip nichts daran, dass die Rollen vertauscht werden. So wie jede soziale Gruppe im Prinzip eine andere dominieren kann, kann jede soziale Gruppe im Prinzip Hegemonie anstreben. Herrschaft und Hegemonie sind in diesem Sinne analog.
Die Analogie endet jedoch hier. Für Anderson ist Hegemonie entscheidend als die “Antithese” von Herrschaft definiert – eine einer Reihe von “Oppositionen” oder “Antinomien”, die aus Gramscis Darstellung der modernen Politik abgeleitet sind. Durch diese Oppositionen tritt Hegemonie als eigenständige intelligible Kategorie hervor: sie tritt als eine “Herrschaftsform” hervor, die auf “Zustimmung” gründet – eher als auf Zwangsgewalt; sie ist eine Machtausübung, die sich tendenziell innerhalb der “Zivilgesellschaft” entfaltet – eher als durch den “Staat”; und weil Gramsci glaubte, dass die “Zivilgesellschaft” in den bürgerlichen Demokratien Westeuropas besonders robust sei, ist hegemoniale Politik ein typisches Phänomen des “Westens” – im Gegensatz zum “Osten”. Durch diese Antithesen (Zustimmung/Zwang, Zivilgesellschaft/Staat, Westen/Osten) entwickelt Anderson eine konzeptionell klare und analytisch handhabbare Darstellung von Hegemonie.6
Zustimmung und Führung
Erstens benennt Hegemonie eine Herrschaftsform, die hauptsächlich durch die aktive oder passive Zustimmung untergeordneter Gruppen operiert, anstatt durch ihre offene Unterdrückung oder die Ausübung von Zwangsgewalt. Die Intuition ist hier, dass die Stabilität einer sozialen Ordnung nicht durch die reine physische oder militärische Macht der dominanten Gruppe erklärt werden kann: Die Akzeptanz der Herrschaft durch die Beherrschten muss eine gewisse Rolle spielen, und in dem Maße, wie diese Rolle eine überragende ist, kann die dominante Gruppe als “hegemonial” bezeichnet werden. Wichtig ist, dass dies nicht bedeutet, dass Zwang verschwindet, sondern dass er in den Hintergrund tritt: Gewalt bleibt verfügbar, wird aber normalerweise der Überzeugung, ideologischen Integration und moralischen Führung untergeordnet. In diesem Sinne verdrängt oder überstrahlt Hegemonie die Gewalt, eliminiert sie aber nicht. Sie benennt eine Form politischer Macht, die auf Akzeptanz „ruht“, so dass Macht indirekt ausgeübt wird, durch „Führung“ anstelle von „Befehl“.7
Der Begriff der Führung ist hier entscheidend, denn er hilft, Hegemonie von etwas zu unterscheiden, das Noam Chomsky als „hergestellte Zustimmung“
bezeichnen würde. Für Chomsky neigen angeblich liberale oder demokratische Regierungen dazu, sich durch Desinformation, Unternehmensmedien und Rangideologie zu erhalten, die interne Konflikte oder Opposition effektiv unterdrücken oder zerstreuen. Dies mag mit Hegemonie verwandt sein, ist aber für Anderson nicht dasselbe.
Dies liegt daran, dass Hegemonie, obwohl sie zur Erklärung der Stabilität der „Macht der herrschenden Klasse in bürgerlichen Demokratien“ herangezogen wird,8
auch dazu bestimmt ist, Beziehungen zwischen sozialen Gruppen abzudecken, die verbündet sind, nicht im Konflikt. Für Gramsci ist das paradigmatische Beispiel die Beziehung zwischen den städtischen Arbeiterklassen und der jakobinischen Führung der Französischen Revolution in ihrer radikalsten Phase (1792-1793). In Gramscis Darstellung führten die Jakobiner die Arbeiterklassen an, und die Arbeiterklassen stimmten dieser Führung zu, aber dies war gerade kein Fall von „hergestellter“ Zustimmung im Sinne Chomskys. Vielmehr bildeten die Jakobiner eine echte Allianz mit den Arbeiterklassen und artikulierten geschickt – aber nicht unehrlich – diese Allianz in Form eines gemeinsamen Projekts: dem revolutionären Kampf für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.
Hegemonie deckt eine Reihe von Beziehungen ab, die relativ konsensuale Formen der Zusammenarbeit zwischen sozialen Gruppen zusammenhalten, vorausgesetzt, diese Gruppen können mehr oder weniger klar als „Führer“ und „Geführte“ unterschieden werden.
Gramscis Interpretation dieser Ereignisse ist mit einem stillschweigenden – grob marxianischen – Verständnis von Interessen verbunden. Er nennt die Interessen einer bestimmten Gruppe „ökonomisch-korporative“ Interessen, und in diesem Sinne waren die „ökonomisch-korporativen“ Interessen der jakobinischen Führung und die der städtischen Arbeiterklassen nicht dieselben: der Jakobinerklub bestand hauptsächlich aus gebildeten Berufstätigen und Grundbesitzern.
Was im französischen Revolutionskontext bemerkenswert war, so Gramsci, war die Art und Weise, wie die Hegemonie der Jakobiner entstand, als sie ihre Bindung an die gesamte Bandbreite ihrer „ökonomisch-korporativen“ Interessen lockerten und eine Agenda aufbauten, die einige der „ökonomisch-korporativen“ Interessen der städtischen Arbeiterklassen widerspiegelte und absorbierte. Sobald diese klassenübergreifende Allianz etabliert war, so suggeriert er, wechselte die Revolution von einer „ökonomisch-korporativen“ Stufe – dem Kampf einer Gruppe relativer Eliten innerhalb des Dritten Standes – zu einer „hegemonialen“ Stufe, artikuliert als der Kampf der „Nation“ als Ganzes.
Aus dieser Perspektive deckt Hegemonie eine Reihe von Beziehungen ab, die relativ konsensuale Formen der Zusammenarbeit zwischen sozialen Gruppen zusammenhalten, vorausgesetzt, diese Gruppen können mehr oder weniger klar als „Führer“ und „Geführte“ unterschieden werden. Wie wir sehen werden, bringt Thomas’ Kritik an Anderson die merkwürdige Weise ans Licht, in der Gramsci weniger interessiert zu sein scheint, als wir erwarten würden, „gute“ hegemoniale Beziehungen (die Führung der jakobinischen Partei oder die Führung des russischen Proletariats während der Oktoberrevolution) von „schlechten“ hegemonialen Beziehungen (denen, die die kapitalistischen Sozialverhältnisse unter der bürgerlichen Demokratie stabilisieren) zu unterscheiden.9
Zivilgesellschaft und Kultur
Anderson betont, dass der Aufbau und die Aufrechterhaltung von Hegemonie alles mit der Präsenz dessen zu tun hat, was Soziologen „intermediäre Institutionen“ nennen. In der Französischen Revolution umfassten diese Institutionen die Presse sowie die enorme Anzahl politischer Clubs, regelmäßiger Treffen und spontaner Versammlungen, in denen sowohl die städtischen Arbeiterklassen als auch die jakobinische Führung verkehrten. In nichtrevolutionären Kontexten umfassen sie das dichte Netzwerk mehr oder weniger formaler Institutionen – Presse, politische Parteien, Schulen und Kirchen, Gewerkschaften, kulturelle Vereinigungen und private Organisationen – die zwischen den Individuen und dem „Staatsapparat“ stehen.10
In beiden Fällen wird Hegemonie als eine Machtform figuriert, deren privilegierte Kanäle durch die „Zivilgesellschaft“ verlaufen, anstatt durch den „Staat“.11
Der Grundgedanke hier ist, dass auf diesem assoziativen Terrain die Zustimmung organisiert und stabilisiert wird, da soziale Gruppen durch Praktiken der Erziehung, moralischen Erbauung und ideologischen Kultivierung zusammengebunden werden. Im Gegensatz zur „Zivilgesellschaft“ erscheint der Staat selbst als der Ort, an dem Zwang konzentriert und kodifiziert wird, in Form von Gesetz, Polizeigewalt und Militär. Hegemonie setzt daher eine relative Autonomie der Zivilgesellschaft vom Staat voraus: nur dort, wo das soziale Leben nicht unmittelbar vom politischen „Befehl“ aufgesogen wird, kann „Führung“ durch Überzeugung und Zusammenarbeit ausgeübt werden, anstatt durch Zwangsgewalt.
Eine der wichtigsten Konsequenzen dieser Perspektive ist, dass sie eine Verschiebung im Feld der politischen Strategie bewirkt. Wenn politische Macht in gewissem Sinne auf Beziehungen der Zustimmung„basiert“, die außerhalb des Staates organisiert sind,12 dann folgt daraus, dass dieser Bereich von Beziehungen das Ziel von Interventionen von Gruppen sein sollte, die auf die Transformation der sozialen oder politischen Ordnung abzielen. Mit anderen Worten: Der „Klassenkampf“ darf nicht nur auf die Ergreifung der Staatsmacht abzielen, sondern muss sich auch in eine langwierige Reihe von Interventionen innerhalb der Zivilgesellschaft einfügen – was Gramsci einen „Stellungskrieg“ nannte – wo Allianzen geschmiedet, Weltanschauungen konsolidiert und Autorität als gesunder Menschenverstand verständlich gemacht wird.13
Besonders in Kontexten, die als nichtrevolutionär wahrgenommen werden (z.B. der „Westen“ für den größten Teil des letzten Jahrhunderts), wird der „Stellungskrieg“ zu einer Strategie, durch die “Gegenhegemonie” allmählich aufgebaut werden kann.
Für Anderson ist Hegemonie eine „generische“ Form politischer Macht, die auf Zustimmung beruht und in den Institutionen der Zivilgesellschaft verankert ist.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Andersons Essay von 1971 systematisch eine Darstellung von Hegemonie entwickelt, die vielen von uns zumindest einigermaßen vertraut ist. Hegemonie ist eine „generische“ Form politischer Macht, die auf Zustimmung basiert und in den Institutionen der Zivilgesellschaft verankert ist.
Dies impliziert schließlich, dass Hegemonie tief mit der „kulturellen Vorherrschaft“ der „hegemonialen“ sozialen Gruppe verbunden ist – so dass das, was als „gesunder Menschenverstand“ erscheint, weitgehend mit den „ökonomisch-korporativen“ Interessen dieser Gruppe kompatibel ist. Aus dieser Perspektive spielen „Intellektuelle“ im weitesten Sinne – nicht nur Akademiker, Journalisten und Medienpersönlichkeiten, sondern auch politische, kulturelle und religiöse Führer – eine Schlüsselrolle bei der Ausarbeitung und Aufrechterhaltung von Hegemonie. Wie Anderson es ausdrückt, „vermitteln Intellektuelle die Hegemonie“ der Gruppe, die sie vertreten, über andere soziale Gruppen, „über die ideologischen Systeme, deren organisierende Agenten die Intellektuellen sind“.14
Das daraus resultierende Bild von Politik privilegiert den ideologischen Kampf in der „Zivilgesellschaft“ gegenüber der offenen Konfrontation mit dem Staat. Für Anderson liefert Gramsci somit eine theoretische Grundlage für spätere Strategien des sozialistischen Gradualismus, paradigmatisch ausgedrückt in der Welle des reformistischen „Eurokommunismus“ der 1970er Jahre. Mitte dieses Jahrzehnts bestand Andersons bemerkenswerte Entdeckung darin, in Gramsci sowohl eine Antizipation als auch ein autoritatives Gerüst für die postmarxistische Neue Linke gefunden zu haben – die den revolutionären Kampf durch „Interventionen“ einer grundlegend „kulturellen“ und „diskursiven“ Ordnung ersetzen würde.
Revolution nach der Hegemonie
Wie diejenigen, die mit Andersons Essay vertraut sind, sich erinnern werden, spiegelt er keineswegs eine Feier dieses Bildes von Politik wider. Im Gegenteil, Anderson behandelt Gramscis Privilegierung des ideologischen Kampfes in der Zivilgesellschaft als Symptom einer wirklichen „Verwirrung“ über die Natur der „bürgerlichen Klassenherrschaft“.15
Einerseits, so argumentiert er, riskiere die Reduzierung der revolutionären Strategie auf einen „Stellungskrieg“, die revolutionäre Politik in ein Programm kultureller und moralischer Transformation aufzulösen – sie letztlich von dem Ziel einer echten Zäsur mit den kapitalistischen Sozialverhältnissen zu lösen. (Im Jahrzehnt nach der Veröffentlichung von Andersons Antinomies würde diese Sorge in der Arbeit von Laclau und Mouffe Früchte tragen). Andererseits, so Anderson, sei das ernstere Risiko, dass Gramscis Rahmenwerk den Zwangskern der kapitalistischen Macht aus dem Blickfeld geraten lasse. So dicht die Netzwerke der Zivilgesellschaft auch sein mögen, der bürgerliche Staat bleibt in letzter Instanz ein bewaffneter Repressionsapparat, der nicht allein durch Überzeugung aufgelöst werden kann. Aus dieser Perspektive muss jedes revolutionäre Projekt mit dem notwendigerweise plötzlichen und gewalttätigen Charakter revolutionärer Situationen rechnen – in denen Geschwindigkeit, Kühnheit und die Zersplitterung des staatlichen Repressionsapparats entscheidend werden.16
So dicht die Netzwerke der Zivilgesellschaft auch sein mögen, der bürgerliche Staat bleibt ein bewaffneter Repressionsapparat, der nicht allein durch Überzeugung aufgelöst werden kann.
Andersons Lektüre Gramscis – und sein einflussreicher Bericht über Hegemonie im Besonderen – wirkt letztlich als eine Folie, vor die er sein eigenes, durchsichtiger „revolutionäres“ politisches Projekt projizieren kann: der „Stellungskrieg“ kann den „Bewegungskrieg“ niemals vollständig in den Schatten stellen, es sei denn, der Horizont der Revolution wird endgültig aufgegeben. Aber das wirft eine wichtige Frage auf: Ist Andersons Darstellung von Hegemonie so überzeugend, wie angenommen wurde? Diese Frage ist nicht nur aus der relativ trivialen Perspektive der gramscianischen Exegese wichtig – ob Anderson Gramsci „richtig“ versteht – sondern weil eine alternative Darstellung von Hegemonie strategische Möglichkeiten offenbaren könnte, die Andersons „antinomische“ Lektüre Gramscis aus dem Blickfeld drängt.
Noten
1 - Perry Anderson, The H-Word, vii, 180.
2 - Perry Anderson, The Antinomies of Antonio Gramsci, 5.
3 - Peter Thomas, The Gramscian Moment, xvii.
4 - Anderson, ebenda.
5 -Thomas, ebenda, xix.
6- Im Folgenden konzentriere ich mich auf Zustimmung/Zwang und Zivilgesellschaft/Staat. Obwohl interessant an sich und äußerst wichtig für Gramsci aus der Perspektive der revolutionären Strategie, würde die Untersuchung der West/Ost-Opposition eine unnötige Büchse der Pandora öffnen. Es genügt zu sagen, dass „der Osten“ in diesem Zusammenhang für alle praktischen Zwecke das vorrevolutionäre Russland bedeutete. Gramscis Darstellung der Hegemonie sollte vor dem Hintergrund der Debatten unter westeuropäischen Kommunisten über die unterschiedlichen Ergebnisse der Oktoberrevolution und der gescheiterten revolutionären Bewegungen gelesen werden, die Westeuropa zwischen 1917 und 1920 durchzogen.
7 - Anderson, ebenda, 41, 21.
8 - Ebenda., 7.
9 - Seinerseits nimmt Anderson Anstoß an der strukturellen Entsprechung, die Gramsci zwischen dem Proletariat im Kampf gegen den Kapitalismus und der jakobinischen Führung jener archetypischen „bürgerlichen“ Revolution – der französischen – zu ziehen scheint: „Es ist wichtig, an die bekannte marxistische Lehre zu erinnern, dass die Arbeiterklasse unter dem Kapitalismus inhärent unfähig ist, die kulturell dominierende Klasse zu sein, weil sie durch ihre Klassenposition strukturell von einigen der wesentlichen Mittel der kulturellen Produktion enteignet ist – Bildung, Tradition, Freizeit – im Gegensatz zur Bourgeoisie der Aufklärung, die ihre eigene überlegene Kultur innerhalb des Rahmens des Ancien Régime hervorbringen konnte. ... Solange die mangelnde strukturelle Entsprechung zwischen den Positionen der bürgerlichen Klasse innerhalb der feudalen Gesellschaft und der Arbeiterklasse innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft [nicht] ständig registriert wird, ist die Gefahr eines theoretischen Abrutschens von einer zur anderen in [Gramscis] allgemeinem Gebrauch des Begriffs Hegemonie immer potenziell vorhanden. Die mehr als gelegentliche Assimilation der bürgerlichen und proletarischen Revolutionen in seinen Schriften über den Jakobinismus zeigt, dass Gramsci gegen diese Verwirrung nicht immun war“. Ebenda. S. 46.
10 - Ebenda., 21-22.
11 - Ebenda., 34-35; vgl., 10-12.
12 - Ebenda., 42.
13 - Ebenda., 11-13.
14 - Ebenda., 19, 21.
15 - Ebenda., 76.
16 - Ebenda., 75.










